PFERDEPRAXIS REINFELD
Dr. Katharina Ehlers     

Bluterguss im Ohr beim Pferd - Othämatom bei einem alten Pony als seltene Herausforderung

Was in der Kleintierpraxis zur Routine gehört, begegnet Pferdetierärztinnen hingegen eher selten: Ein Othämatom, also ein Bluterguss, der sich zwischen dem Knorpel und der Haut des Ohres gebildet hat. Häufig durch Juckreiz und Kopfschütteln ausgelöst, führt ein Othämatom zu  mitunter starken Schmerzen sowie einer deutlichen Verengung des Gehörganges. Diese kann so stark ausgeprägt sein, dass die Hörfähigkeit des Pferdes beeinträchtigt ist. Liegt dem Othämatom eine Entzündung des Mittelohres zugrunde, kann auch der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt sein und eine Kopfschiefhaltung auftreten.

Unser Patient, den wir euch in diesem Fallbericht vorstellen, ist ein 28 Jahre alter Ponywallach, der als Therapiepony einen unverzichtbaren Beitrag leistet. Er ist uns mit einer Entzündung des Außenohres vorgestellt worden. Diese äußerte sich in einem deutlich geschwollenen rechten Ohr mit einhergehendem starken Juckreiz und nahezu vollständig verlegtem Gehörgang. Was sich zunächst nach keiner großen Sache anhört, stellt für den Patienten aber eine deutliche Beeinträchtigung dar und verursacht starke Schmerzen. Der Juckreiz führt zu vermehrtem Kratzen und Scheuern der Ohren sowie Kopfschütteln, wodurch Blutgefäße im Ohr verletzt werden und sich der Bereich zwischen Haut und Ohrknorpel mit Blut füllt - es entsteht ein Othämatom.

Die Therapie der Erkrankung beginnt mit der Behandlung der unterliegenden Ursache: Der Ohrentzündung. Diese wurde durch Bakterien ausgelöst und mit einem passenden Antibiotikum nach bakteriologischer Untersuchung sowie einem entzündungshemmenden Medikament zur Schmerzlinderung und Reduzierung der Schwellung erfolgreich behandelt. Das Othämatom hingegen erfordert, wenngleich beim Pferd nur wenige Fälle beschrieben sind, häufig eine chirurgische Therapie. Da ein Klinikaufenthalt und eine Operation in Vollnarkose für unseren Patienten im fortgeschrittenen Alter nicht in Frage kamen, wurde die Operation in seiner vertrauten Box am sedierten Pony unter zusätzlicher lokaler Betäubung durchgeführt. Nachdem das Hämatom eröffnet und mittels Kürrettage und Spülung die geronnenen Blutbestandteile vollständig entfernt werden konnten, wurde eine Drainage eingelegt, sodass nachfliessendes Blut und Wundsekret sich nicht erneut zwischen Haut und Knorpel des Ohres ansammelt. Um das Risiko einer Neubildung des Hämatoms zusätzlich zu reduzieren, wurde ein Druckverband angelegt und das Ohr gegenüber Verschmutzungen und Fliegen durch einen am Halfter fixierten Schlauchverband geschützt. 


Dr. Anna Nissen und Aenne Grube während der Operation


Direkt nach der Operation mit eingelegter Drainage


Der mehrlagige, saugfähige Druckverband wird am Ohr angelegt


Der fertige Ohrverband


Die ersten Tage nach der OP verliefen zunächst problemlos, dem Patient ging es gut und die Wunde heilte, ohne dass sich das Ohrhämatom wieder deutlich füllte. Es erfolgten tägliche Wechsel des Druckverbandes und das Pony zeigte weder Unbehagen noch vermehrtes Scheuern des Ohres. Etwa eine Woche nach der OP zeichnete sich, vermutlich mitbedingt durch die vermehrte Wärme unter dem Druckverband, ein Rezidiv der Ohrentzündung ab. Es erfolgten weitere Wundtoiletten und eine erneute Tupferprobe um sicherzustellen, dass das verwendete Antibiotikum auch weiterhin wirksam gegenüber den auslösenden Bakterien ist. Trotz der erneuten Ohrentzündung zeigte sich das Pony munter und tolerierte die Wundbehandlungen sowie das Tragen der Fliegenmaske zum Schutz der Wunde problemlos.

Im weiteren Verlauf musste 14 Tage post OP ein Serom (also eine Ansammlung von Blutserum) am Ohrgrund abgelassen werden, welches dank lokaler Betäubung für den Patienten schnell und schmerzfrei im Stall durchgeführt werden konnte. Nachdem das Ohr dank der erfolgreichen Othämatom-Operation und des guten postoperativen Verlaufs soweit abgeschwollen war, dass der Gehörgang für ein kleines Endoskop wieder passierbar war, konnte eine Endoskopie - also eine Untersuchung des Ohres von innen mittels Videokamera - durchgeführt werden, um das Ausmaß der noch andauernden Ohrentzündung beurteilen zu können (siehe Foto unten links). Es war weiterhin eine mittelgradige eitrige Otitis vorhanden. Langwierige Verläufe sind bei Ohrenentzündungen beim Pferd leider keine Seltenheit und erfordern eine konsequente Therapie und geduldige Pferdebesitzerinnen und Tierärztinnen. Unser hier vorgestellter Patient erhielt noch weitere vier Wochen antibiotische Behandlung und zeigte darunter eine positive Tendenz und ein Abklingen der Ohrentzündung. 


Ohrendoskopie: Deutliche Entzündung. Der Blick auf den knöchernen Gehörgang und das Trommelfell ist duch Eiter nicht möglich.


Zum Vergleich: Der Blick in ein gesundes Pferdeohr mit guter Sicht auf den knöchernen Gehörgang.


Eine Abschlussuntersuchung erfolgte zwei Monate nach der OP: Das betroffene Ohr ist aufgrund von Narbengewebe ein bisschen verdickt, aber trocken, schmerzfrei und ohne Anzeichen einer Entzündung. Alle betreuenden Personen und wir Tierärztinnen sind froh, dass der Patient uns wieder mit zwei gesunden gespitzten Ohren begrüßt und seinen Job als Therapiepony wieder aufnehmen kann. 


Das verheilte Ohr


Zwei gespitzte Ohren zeigen deutlich: Die Therapie war erfolgreich!